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In dieser ausführlichen Creed 2 Kritik werfen wir einen genauen Blick auf das mit Spannung erwartete Box-Sequel. Leider hat es der zweite „Creed“, trotz des völligen Fehlens allzu großer anfänglicher Erwartungen, geschafft, auf ganzer Linie zu enttäuschen. Der erste Teil traf irgendwie geschickt die nostalgischen Saiten der Seele. Und obwohl die Geschichte damals ungefähr dieselbe war wie beim ursprünglichen Beginn der Rocky-Franchise, hatte mich der Film damals überzeugt. Vielleicht lag es daran, dass ich kurz vor der Premiere die gesamte Filmreihe nachgeholt hatte. Oder vielleicht lag es daran, dass die Arbeit sorgfältig gemacht wurde; zwar mit Entlehnungen, aber Regisseur Ryan Coogler lenkte das Ganze in seine ganz eigene, frische Richtung. Hinzu kam ein gealterter Rocky und endlich wieder eine wirklich gute schauspielerische Leistung von Sylvester Stallone, die ihm eine verdiente Oscar-Nominierung einbrachte.

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Die zweite Folge schreckte jedoch schon in der Anfangsphase ab: Ernsthaft? Der Sohn von Ivan Drago? Letztendlich lief alles, wie zu erwarten war, in den schlechtesten Traditionen von lieblosen Fortsetzungen ab. Diesmal machten sich die Macher nicht einmal die Mühe, originelle Elemente einzubauen, sondern prügelten einfach stur den Kanon durch. Selbst die Charaktere des Films werden nicht müde, den Zuschauer mit dem Satz „Alles ist genau wie vor 30 Jahren“ daran zu erinnern. Nun, danke für die plumpe Ironie.

Ach ja, es gibt hier doch ein neues Element – nun trainiert der Held vor seiner Reise nach Russland (im Film wurde das Land einfach als „Hölle“ bezeichnet) nicht in Sibirien, sondern in der Wüste, um… Was? Was hat eine Wüste mit einem Boxring gemein? Oder mit Russland. Aber genau durch solch ein absurdes Training gewinnt der Held vorhersehbar im Finale, weil sein Gegner in der ganzen Zeit mit echten Menschen im Ring trainiert hat.

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Wahrscheinlich hätte er in einer Kohlemine trainieren sollen. Dort ist es verdammt gefährlich und beängstigend, aber nach der Logik der Filmautoren ist das der einzige Weg, wie Boxer gewinnen. Im nächsten Teil (der wird doch sicher kommen, oder?) fliegt Creed wohl ins All, um in der Schwerelosigkeit zu trainieren. Sonst besiegt er Thanos oder wen auch immer sie für den dritten Teil bereithalten, sicher nicht. Gut, dass in diesem Teil wenigstens seine Tochter geboren wurde. Sonst würden wir uns in zig Jahren die Abenteuer seiner Enkel ansehen müssen. Obwohl…

Apropos Feinde: Diesmal hat man die Drago-Familie zwar etwas vermenschlicht, aber sie bleiben trotzdem seltsam klischeebehaftete „Untermenschen“. Eben weil sie aus Russland stammen. Und der Ukraine. Die Macher haben das geografisch und historisch irgendwie nicht ganz auf die Reihe bekommen. Der Ältere wird als russischer Boxer bezeichnet, der Jüngere als ukrainischer (anscheinend wird die Nationalität hier willkürlich vererbt). Uns wird mitgeteilt, dass der Ältere nach seiner Niederlage 1985 vom Staat aus Russland… in die Ukraine verbannt wurde. Obwohl er aus der UdSSR stammte… Infolgedessen arbeitet und trainiert Viktor Drago 30 Jahre später in der Ukraine, um Creed zu einem Rückkampf in Russland herauszufordern. Und nach der Niederlage trainiert er weiter in der Ukraine… Naja.

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Dann gibt es da noch diese Szene, in der die russische Elite die Familie Drago nach einem Sieg zu einem Gala-Dinner einlädt. So nach dem Motto: „Na gut, wir verzeihen euch“. Moment mal, haben ihn vor 30 Jahren exakt dieselben Leute verbannt? Werden dort alle Dinge noch von denselben Gesichtern geleitet wie 1985? Wahrscheinlich ist es auch noch exakt dasselbe Land im Kopf der Drehbuchautoren.

Kurz gesagt, dorthin wird auch Dragos Ex-Frau/Mutter eingeladen, die in den 30 Jahren optisch sehr merkwürdige Veränderungen durchgemacht hat. Die Mutter hat ihrer eigenen Familie die Niederlage von vor 30 Jahren ebenfalls „verziehen“ (und was genau war eigentlich die Schuld des Sohnes?) und kommt sogar zum Rückkampf, geht aber kurz vor der drohenden Niederlage wieder. Der fast 30-jährige Sohn, ein riesiger Kerl, kämpfte offenbar nur für seine Mutter und verliert, als er merkt, dass sie gegangen ist. Das entwertet das gesamte harte Training von Creed, der einfach Viktors Mutter hätte bestechen können, anstatt sich in einer Eisbadewanne die Körperteile abzufrieren. Generell erstaunen mich solche Szenen immer, die die Härte des Helden zeigen sollen. Ist das wirklich gesundheitsfördernd? Ein eher mäßiger Sieg, um es kurz zu machen.

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Weitere Aspekte: Inszenierung, Schauspiel und Musik

Um diese Bewertung abzurunden, müssen wir auch über die handwerklichen Aspekte sprechen. Die Filmemacher haben das Eisen geschmiedet, solange es heiß war, und sich dabei ordentlich verbrannt. Meiner Meinung nach war dieses Sequel überhaupt nicht nötig. Im Sportfilm-Genre ist man ohnehin oft ein Geisel der eigenen Klischees. Ganz im Ernst, was konnten sie bei der Produktion eines teuren Mainstream-Films Neues über das Boxen erzählen? Im Endeffekt haben wir typische Fließbandarbeit vor uns.

Michael B. Jordan und Sylvester Stallone spielen routiniert, aber der emotionale Funke des ersten Teils springt nicht mehr über. Selbst die großartige musikalische Original-Thema von Bill Conti aus der alten Franchise kann das Ganze nicht retten, denn sie wurde natürlich in einen generischen Rap-Beat eingearbeitet, der heutzutage einfach überall drübergelegt wird. Es ist besser, sich einfach das Original nochmal anzuhören.

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Pro und Contra im Überblick

  • Pro: Physisch beeindruckende Kampfszenen und gute Trainingsmontagen.
  • Pro: Dolph Lundgren bringt überraschend viel Tragik in die Rolle des Ivan Drago.
  • Contra: Vorhersehbare Handlung, die stur den Mustern von Rocky IV folgt.
  • Contra: Logiklöcher und absurde geografische/politische Darstellungen.
  • Contra: Fehlende Originalität und schwacher Soundtrack-Mix.

Creed I vs. Creed II – Ein direkter Vergleich

Kriterium Creed (2015) Creed II (2018)
Regie & Vision Frisch, emotional, eigenständig (Ryan Coogler) Fließbandarbeit, formelhaft (Steven Caple Jr.)
Gegenspieler Glaubwürdig und bodenständig Klischeehaft, wandelnde Nostalgie-Maschine
Handlung Suche nach Identität Aufgewärmte Rache-Story aus den 80ern

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Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Ist Creed 2 eine direkte Fortsetzung von Rocky IV?

Ja, der Film greift die Handlung von Rocky IV (1985) stark auf. Adonis Creed kämpft gegen Viktor Drago, den Sohn von Ivan Drago, der vor über 30 Jahren Apollo Creed im Ring tötete.

Lohnt sich der Film, wenn man den ersten Teil mochte?

Das kommt darauf an. Wer lediglich gute Box-Action und Nostalgie sucht, könnte Spaß daran haben. Wer jedoch die Tiefe und die eigenständige Regiearbeit des ersten Teils erwartet, wird vermutlich enttäuscht werden.

Warum wird in der Wüste trainiert?

Das Wüstentraining soll einen extremen Kontrast darstellen und Adonis physisch und mental abhärten, auch wenn es filmisch und logisch im Kontext zu einem Kampf in Russland wenig Sinn ergibt.

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